Unterschied „Rückhand [BH]“ zur „Vorhand [FH]“ physikalisch betrachtet

Zuerst müssen wir wieder die Abkürzungen und Vorgaben definieren:
RH = Rechtshändig geworfen
LH = Linkshändig geworfen
BH = Rückhand
FH = Vorhand
Wenn ich von „vorn“ bei einer Scheibe schreibe, ist immer der vordere Teil der Scheibe gemeint, der in Flugrichtung zeigt.

Nun geht’s los ….
Einige von Euch haben sich bestimmt schon gefragt, welchen technischen Unterschied es zwischen der BH und der FH gibt und ob es einen Unterschied der Flugbahn gibt, wenn man nun RHBH oder LHFH spielt? Hierzu müssen wir aber erst ein wenig Physik lernen, damit das Ganze etwas verständlicher wird. Für alle die keine Lust dazu haben, hier die Kurzversion:

Kurzversion:
RHBH / LHFH = Die Scheibe dreht sich im Uhrzeigersinn, der Turn verläuft nach rechts und der Fade nach links.
RHFH /  LHBH = Die Scheibe dreht sich gegen den Uhrzeigersinn, der Turn verläuft nach links und der Fade nach rechts.

Langversion:
Der hauptsächliche Unterschied ist die Drehrichtung der Scheibe, bei gleicher Hand – dass ist die verbreitete Meinung, wenn man Discgolfer fragt. Bei einem RH-Spieler dreht sich die Scheibe bei BH im Uhrzeigersinn und bei FH dreht sie sich gegen den Uhrzeigersinn. Dies hat zur Folge, dass sowohl der Turn wie auch der Fade sich umkehren.
Wenn dies jedoch der einzige Unterschied wäre, müsste man kein eigenes Kapitel darüber verfassen.
Gehen wir mal weiter in die physikalische Tiefe und stellen uns die erste Frage:

Woher kommt nun eigentlich der Fade?
Generell ist es so, dass eine parallel zum Boden geworfene Scheibe „vorne“ immer mehr Auftrieb hat, als hinten. Wenn man eine Scheibe ohne Spin wirft, würde sie vorne so stark ansteigen, dass sie einen Rückwärtssalto macht. Der Spin bewirkt also, dass die Scheibe beim Fliegen, die vom Werfer vergebenen Lage beibehält. Der Spin hat aber auch noch einen Einfluss auf den Auftrieb, der wird nämlich in Spinrichtung abgelenkt.
Beim Beispiel RHBH dreht sich die Scheibe also im Uhrzeigersinn und somit wird auch der vorn an der Scheibe wirkende Auftrieb nach rechts abgelenkt und die Scheibe fängt an nach links zu kippen, was den Fade einleitet. Ihr könnt dies in einem einfachen Versuch selbst durchführen. Ihr dreht eine Scheibe ziemlich schnell auf einem Finger und tippt mit einem anderen Finger vorn von unten gegen die Scheibe. Die Scheibe kippt sich nun nach links und nicht nach hinten.

Kommen wir nun zum Turn
Der Turn hat die Aufgabe zu verhindern, dass der Fade direkt vom Anfang an einsetzt. Der Turn wurde aber nicht deswegen erfunden. Das macht die Physik und der Herr Magnus hat diesen Effekt entdeckt.
Ich möchte euch nun nicht den Magnus Effekt hier beschreiben, dazu gibt es genügend Videos, nur leider gibt es keins, welches den Magnus Effekt an einer Discgolf Scheibe erklärt. Ich versuche es mal mit einer sehr einfachen (und nicht genau an den von der Physik genutzten Bezeichnungen) Erklärung.

Der Magnus Effekt wirkt im Gegensatz zu einem Ball immer an 4 Stellen (Ball an 2). Dreht sich eine Scheibe im Uhrzeigersinn entsteht links ein Überdruck und rechts ein Niederdruck. Dies bewirkt, dass die Scheibe nach rechts gedrückt wird. Dieser Drift ist zu erkennen, aber das ist noch nicht der Turn, dafür sind die Seiten der Scheiben zu klein. Um den Turn einzuleiten, muss die Scheibe auch zusätzlich nach rechts kippen. Hier kommt nun die Ober- und Unterseite zum Einsatz. Die Scheibe funktioniert in der Luft ähnlich wie ein Flügel eines Flugzeugs, jedoch mit dem großen Unterschied, dass die Scheibe sich dreht und der Flügel am Flugzeug eben nicht. Auch bei der Scheibe haben wir nun auf der Oberseite einen Niederdruck und auf der Unterseite einen Überdruck der bewirkt, dass die Scheibe einen Auftrieb nach oben hat. Wie stark der Nieder- und Überdruck ist, ist neben der Scheibenform auch von der Geschwindigkeit abhängig, mit dem die Luftmoleküle an der Scheibe vorbeifliegen. Die Luftmoleküle fliegen über die Scheibe schneller, als unter der Scheibe. Da sich die Scheibe nun dreht, flieg die Luft auf der linken Seite der Scheiben schneller als auf der rechten, weshalb wir zwischen links und rechts einen leichten Druckunterschied haben. Der Auftrieb ist dadurch links größer als rechts und somit kippt die Scheibe nach rechts.

Beim Flug kämpfen nun Fade und Turn ständig gegeneinander, wenn der Turn stärker ist, fliegt die Scheibe nach rechts, gleichen sich Turn und Fade aus, fliegt sie gerade, und wenn der Fade stärker ist, dann fliegt die Scheibe eben nach links.

Fassen wir also zusammen. Der Fade und der Turn sind von folgenden Einflussgrößen abhängig:
  1. Scheibenform (können wir nicht direkt beeinflussen)
  2. Die Geschwindigkeit und Richtung, mit der die Luft die Scheibe umfließt (Windgeschwindigkeit, Windrichtung, Wurfgeschwindigkeit)
  3. Scheibenumdrehung (Spin)
  4. Luftdichte (haben wir keinen Einfluss, wir merken ihn i.d.R. nur beim unterschiedlichen Flugverhalten im Sommer und im Winter)
  5. Anstellwinkel der Scheibe, den gehen wir hier aber nicht durch.
Mit all diesem Wissen können wir nun endlich den tatsächlichen Unterschied zwischen FH und BH durchnehmen.

Physikalisch betrachtet, bekommt man mit dem Rückhandwurf einen deutlich höheren Spin in die Scheibe. Bei einem Spieler, der BH und FH gleichermaßen gut kann, liegt die Differenz bei ca. 60-70% zugunsten vom Rückhandwurf. Durch den höheren Spin wirkt auch der Turn kräftiger und der Fade schwächer. Weshalb man für weite Würfe immer dem Rückhandwurf den Vorzug gewähren sollte, es sei denn, körperliche Eigenschaften des Spielers sprechen dagegen.

Die mitentscheidende Wurfgeschwindigkeit ist letztendlich nur eine Technikangelegenheit, die man trainieren kann.