Einsteiger Guide - Flugwerte / Kennwerte / Flightrating -




Flugwerte / Kennwerte / Flightrating (Speed/Glide/Turn/Fade)
 
Bevor wir auf die einzelnen Werte eingehen, stellen wir uns erst einmal die Frage: wozu dienen denn die 4 Zahlen? Einfach gesagt: „Wir bekommen eine grobe Einschätzung wie die Scheibe fliegt, und können anhand der Zahlen Scheiben untereinander vergleichen“.
 
Ganz wichtig an dieser Stelle ist zu erwähnen:  die Flugwerte sind nicht genormt! Weder durch die DIN noch die EN, ISO oder welcher Norm auch immer. D.h. wir können nur bedingt die Scheiben verschiedener Hersteller miteinander vergleichen.
 
Das System was hinter den Zahlen steckt, wurde von Innova erfunden und bis heute beibehalten. Andere Hersteller hatten sich teilweise jahrelang dagegen gewehrt (MVP, Axiom, Discraft) und letztendlich doch eingeführt. Latitude 64°, Dynamic Discs, Westside (kurz Trilogy) und Kastaplast nutzen diese Werte schon seit Jahren. Da Discgolf immer noch ziemlich „klein“ ist, ist der Sport noch immer sehr familiär, was dazu führt, dass die Hersteller noch immer ein gutes Gehör für die Spieler haben. So kann es auch mal vorkommen, dass die Werte auch nach Jahren nochmals geändert werden. So geschah es 2018 bei Trilogy, dass man nahezu bei jeder Scheibe die Werte geändert hat. Da die Vorschläge aus den Reihen der Spieler kamen, kann man davon ausgehen, dass sie sich immer mehr auch zwischen den Herstellern annähern.
 
So aber genug mit dem Bla bla… kommen wir zu den Werten an sich.
 
Bevor wir nun die Werte durchgehen, definieren wir erst einmal eine Wurfweise und den Wurfarm. Ich spreche hier, wenn ich nichts anderes dazuschreibe, immer von einem Rückhandwurf mit dem rechten Arm. Dies lässt sich auch auf einen Vorhandwurf mit dem linken Arm anwenden. Linkshänder die Rückhand, oder Rechtshänder die Vorhand werfen, müssen einfach spiegelverkehrt denken. Ich werde folgende Abkürzungen nutzen:
 
RHBH: Right Handed Backhand (Rechthändige Rückhand)
LHFH: Left Handed Forhand (Linkshändige Vorhand)
LHBH: Left Handet Backhand (Linkshändige Rückhand)
RHFH: Right Handed Forhand (Rechthändige Vorhand)
 
Oft stellt sich die Frage, was ist der wichtigste Wert? Das kann man nur bedingt beantworten. Es gibt jedoch einen Wert, der alle anderen stark beeinflusst und deswegen würde ich den als „den wichtigsten“ benennen. Ich spreche hier vom:
 
Speed-Wert

Speed! Ich brauche Speed! Nein ich rede nicht von einer Designerdroge. Der Speed-Wert ist der Wert, der gerade von Einsteigern oftmals völlig falsch interpretiert wird. Hier ist oft die Definition: „Je höher je schneller“! Das ist auch nicht soooo falsch, was aber oft nicht bedacht wird: die Scheibe hat keinen Propeller, keinen Motor, oder Arme mit denen sie durch die Luft schwimmen kann. Die Geschwindigkeit muss also woanders herkommen und nun kommt ihr ins Spiel! Der Speed-Wert gibt einen Hinweis darauf, welche Geschwindigkeit Euer Körper erzeugen und über den Arm in die Scheibe transferieren muss.
 
Ich stelle einfach mal eine Rechnung an, die so aber nur als Visualisierung dienen soll. Ihr habt eine Midrange mit Speed 5 und werft sie mit maximaler Armgeschwindigkeit 60m geradeaus. Wir wissen, dass die Scheibe auch 80m fliegen könnte. Es ergibt sich also, dass wir nicht einmal die Armgeschwindigkeit für die Midrange haben. Nun möchten wir eine Speed 13 Scheibe werfen, wir benötigen also eine ca. 3x so hohe Armgeschwindigkeit um die Scheibe auf Speed 13 zu bekommen. Allein die Vorstellung, dass der Arm doppelt so schnell beschleunigen werden soll, kann einen schon depressiv machen ;D Aber wie gesagt, dass stimmt so nicht ganz, soll nur ein bisschen versinnbildlichen.
 
Warum ist nun aber der Speed-Wert wichtiger als die anderen? Ganz einfach, alle anderen Werte stützen sich auf diesen! Eine Scheibe mit Speed 7 / Glide 7 / Turn – 1 / Fade 2 benötigt einfach eine bestimmte Geschwindigkeit, so dass sie eben einen Glide von 7 , einen Turn von -1 und einen Fade von 2 hat. Spielen wir die Scheibe mit mehr als Speed 7, verändert sich auch der Glide und die Scheibe hat normal einen höheren negativen Turn-Wert und einen kleineren Fade-Wert. Fliegt die Scheibe mit weniger als Speed 7, haben wir weniger Glide, weniger Turn und mehr Fade. Die Scheibe biegt also am Ende des Flugs früher und stärker ab.
 
Was ist nun der richtige Speed-Wert für mich. Tja! Jetzt haben wir den Salat. Wir haben bis hierhin gelesen und hoffen auf die ultimative Antwort und bekommen nur ein: „Kann man so nicht genau beantworten“. LACH ;D
 
Letztendlich kaufen wir die erste Scheibe aus dem Bauch heraus. Mal war‘s die richtige Entscheidung, mal die falsche. Wenn Du als erstes eine Midrange mit den Werten 5/5/0/1 oder 5/5/-1/1 als Mann, oder 5/5/-3/x als Frau gekauft hast, hast Du schonmal nichts falsch gemacht. Wir brauchen auf alle Fälle eine Inizialscheibe, damit wir wissen: wie ist denn meine körperliche und technische Verfassung?
 
Du wirfst also die oben genannte Scheibe 70m weit und die fliegt geradeaus. Perfekt! Damit lässt sich arbeiten.
 
Möchtest Du nun weiter werfen, benötigen wir also eine Scheibe die weniger von der Luft gebremst wird. Wir gehen also nun auf die Fairway Driver. Hier solltet ihr aber nicht gleich mit Speed 9 anfangen. Nehmt eine Speed 7 und testet ob ihr sie auf 80m bekommt, dann könnt ihr darauf weiter aufbauen.
 
Der Glide.
 
Der Glide-Wert ist in meinen Augen der einfachste zu vergleichende, aber gleichzeitig auch ein schwer zu verstehender Wert.
 
Wir müssen erst einmal verstehen, warum sich eine Scheibe gerade in der Luft hält. Das tut sie, weil sie sich durch ihre Form gegen die Erdanziehungskraft wehrt, mal ganz banal ausgedrückt. Ich mag das jetzt ungern mit Venturi- und Gyro-Effekt in die Länge ziehen.
 
Wir haben also zwei Kräfte, die gegeneinander wirken. Das ist zum einen der Lift (Auftriebskraft) und zum anderen das Gewicht. Das Gewicht ist von der Scheibe vorgegeben. Man kann also durch die Wahl des Scheibengewichts Einfluss auf die Flugeigenschaft nehmen. Wie sehr sich nun die Scheibe dagegen wehrt direkt auf den Boden zu plumpsen, ist vom Lift abhängig. Der Lift berechnet sich durch die Luftdichte, die Luftgeschwindigkeit und den Glide-Wert. Die Luftdichte und die Luftgeschwindigkeit sind Variablen, auf die wir nicht direkt Einfluss haben, auf den Glide aber schon:  durch die Scheibenwahl.
 
Ein hoher Glide-Wert erhöht auch den Lift, ein niedriger Glide mindert den Lift. Daraus ergeben sich nun folgende Effekte / Resultate:
 
Effekte eines hohen Glide-Wertes: 
  • Die Scheibe fliegt höher
  • Die Scheibe bremst stärker ab
  • Die Scheibe verändert ihre Flugrichtung
Wann sollte man hohen Glide nutzen: 
  • Für weitere Distanzen bei niedriger Geschwindigkeit (Beginner, Spieler mit langsamer Armgeschwindigkeit). Spieler mit hohen Armgeschwindigkeiten, nutzen eher selten sehr hohe Glide-Werte
  • Bei hohem Rückenwind. Hoher Rückenwind verlangsamt die Geschwindigkeit der Scheibe relativ zur Luftgeschwindigkeit, was wiederum den Lift verringert.
  • Bei niedriger Luftdichte. Wie bei der Luftgeschwindigkeit wirkt sich auch eine geringere Luftdichte auf den Lift aus. Weniger Luftdichte (hohe Höhen, hohe Hitze), weniger Lift.
  • Wenn die Scheibe schwerer ist. Wie wir oben gelesen haben, wirkt das Scheibengewicht entgegen des Lifts. D.h., wenn das Scheibengewicht steigt, benötigen wir mehr Lift um die Scheibe gerade in der Luft zu halten.
 
Der Turn (auch High-Speed-Turn genannt)
 
Der Turn-Wert wird etwas seltsam dargestellt. In den meisten Fällen hat er nämlich ein Minus vor der Zahl, in seltenen Fällen aber auch ein Plus. Die Turn-Werte reichen aktuell von +1 bis -6, wobei +1 als sehr Überstabil (overstable), und -6 als sehr unterstabil (understable) gilt.
 
Um den Turn und den Fade zu verstehen, muss man sich etwas mit der Physik beschäftigen.
 
Wir werfen eine Scheibe RHBK/LHFH einfach mal geradeaus. Die Physik besagt nun, wenn sich die Scheibe nach rechts dreht, dann soll sie nach links fliegen. Versinnbildlichen lässt sich das in etwa so, dass man sich die Luft als Widerstand vorstellt, an dem sich die Scheibe versucht abzurollen. Die Trägheit der Masse wiederum möchte jedoch, dass die Scheibe in der ihr vorgegebenen Bewegungsrichtig verbleibt. So fliegt die Scheibe also geradeaus mit dem Drang nach links zu driften. Dies wäre aber irgendwie nicht so wirklich zielführend, wenn wir die Scheibe geradeaus zum Ziel werfen möchten.
 
Gut das es nun den Turn gibt, also den Drang der Scheibe nach rechts fliegen zu wollen. Im englischen wird dies als Turn-Over betitelt.
 
Wichtig zu wissen ist, dass alle Driver so konstruiert sind, dass sie einen gewissen Turn haben, sonst würden sie recht zügig vom Himmel fallen und das obwohl der Turn mit 0 angegeben ist.
 
Warum habe ich oben geschrieben das es seltsam dargestellt wird? Ich schrieb ja, dass der Turn die Kraft ist, die sich gegen den eigentlichen Drang nach links zu fliegen richtet. Nun wird der Turn so dargestellt, das je weiter der Wert ins negative geht, umso größer ist der Drang nach rechts zu fliegen.

Als Einsteiger kann man sich nun zwei Eselsbrücken zurechtlegen. 
  1. -3 bedeutet das die Scheibe -3 Meter nach links fliegt (sie fliegt also nach rechts)
  2. Man denkt sich das Minus einfach weg und sagt: Meine Scheibe turnt 3m nach rechts.
Welchen Einfluss hat nun aber der Turn-Wert auf meine Scheibenwahl?
 
Effekte eines höheren Turn-Wertes:
  • Die Scheibe fliegt eher rechtslastig
  • Die Scheibe fliegt unkontrollierter bei hohen Geschwindigkeiten
  • Die Scheibe fliegt weiter bei niedrigen Geschwindigkeiten
  • Die Scheibe wird sehr windanfällig
Wann sollte man einen höheren Turn nutzen: 
  • Je niedriger die Fluggeschwindigkeit ist, desto höher sollte der Turn sein. Niedrige Fluggeschwindigkeiten ergeben sich aus: Langsame Armgeschwindigkeit und Rückenwind.
  • Man möchte möglichst den Fade verhindern, oder zumindest minimieren. Bsp.: man möchte einen sehr langen Anhyzer (Rechtskurve) spielen, ohne dass die Scheibe die Flugrichtung ändert.
  • Man möchte sehr weit werfen. Mit der richtigen Technik und der passenden Scheibe kann man durch gekonnte Turn-Over deutlich mehr Weite aus dem Wurf holen. Das Ganze geht aber sehr stark zu Lasten der Wurfgenauigkeit.
 
Nun zum letzten Wert, der Fade (auch Low-Speed-Fade genannt)
 
Der Fade macht das die Scheibe nach dem Turn wieder auf Kurs kommt. So kann man es mal einfach beschreiben. Da wir weiter oben schon gelernt haben, dass jede Scheibe, wenn sie lang genug in der Luft ist, irgendwann nach links will, können wir uns auch schon denken was der Fade ist. Der Fade gibt letztendlich an, wie stark die Scheibe den Drang verspürt, das Ende des Fluges durch eine mehr oder minder starke Linkskurve zu beenden. Je höher der Wert ist, desto stärker und früher biegt die Scheibe nach links ab.
 
Effekte eines höheren Fade’s
  • Scheibe widersteht eher das „turn-en“ der Scheibe
  • Scheibe fliegt kontrollierter
  • Die Scheibe fliegt tendenziell kürzer
Wann sollte man eine Scheibe mit höherem Fade nutzen: 
  • Bei starkem Gegenwind. Hoher Gegenwind erhöht die relative Geschwindigkeit zwischen der Luft und der Scheibe. Dies bewirkt, dass die Scheibe mehr in den Turn geht, was wiederum mit einem höheren Fade ausgeglichen werden kann.
  • Wenn man mit weniger Risiko spielen möchte. Da die Scheibe unwahrscheinlicher in den schwer zu definierendem Turn geht, kann man genauer einschätzen, wo die Scheibe landen wird.
  • Bei Vorhandwürfen. Bei Vorhandwürfen verhalten sich die Scheiben anders in der Luft. Sie haben mehr Spin aber weniger Vorwärtsgeschwindigkeit im Gegensatz zum Rückhandwurf. Der hohe Spin, der die Scheibe besser stabilisiert (Gyro-Effekt) gleicht die geringere Geschwindigkeit aus und bewirkt, dass die Scheibe wieder eher in den Turn übergehen möchte.

Schnellbewertung von Scheiben für Einsteiger

Für den Einsteiger war das oben Geschriebene wahrscheinlich etwas zu viel an Informationen. Deswegen habe ich hier mal eine Schnelleinteilung zusammengefasst, die Euch am Anfang den Einstieg noch leichter machen sollte.

SpeedGildeWert (SGW)

Den SGW erhältst Du, wenn du Glide vom Speed abziehst. Beispiele:

Speed 13 und Glide 5 ergibt einen SGW von +8
Speed 7 und Glide 7 ergibt einen SGW von 0
Speed 9 und Glide 5 ergibt einen SGW von +4

Als Anfänger sollte der SGW kleiner als +2 sein. Das würde bedeuten, das wenn du eine Scheibe mit Glide 5 hast, der Speed nicht über 7 sein sollte. Bei Glide 7 darfst du sogar bis Speed 9.
 
TurnFadeWert (TFW)

Den TFW erhälst Du durch die Summe des Turn - und Fade Werts. Hierbei ist auf das Vorzeichen des Turns zu achten. Die meisten Scheiben haben einen negativen Turn (-2) und dieser muss bei der Berechnung beachtet werden. Beispiele:

Turn -2 und Fade 2 ergibt 0
Turn 0 und Fade 2 ergibt +2
Turn -3 und Fade 0 ergibt -3

Im Allgemeinen kann man den Wert nun für die Bestimmung der Gesamtstabilität nutzen. Also alles was im negativen Bereich liegt ist eher „unterstabil“ und was im positiven Bereich liegt, ist als „überstabil“ einzuteilen. Bedenkt aber bitte, dass dies nur eine grobe Einschätzung darstellt. Wenn Du genauer wissen möchtest, wann eine Scheibe über- oder unterstabil ist, dann lies einfach weiter.
So, wie nutzen wir den TFW nun für uns:

Männer: Bei Männern sollte der TFW zwischen -2 und +2 liegen. Hier solltest Du noch Deine eigene körperliche Verfassung mit einfließen lassen. Bist Du eher unsportlich und hast beim Werfen zwei linke Hände, dann solltest du weiter in den negativen Bereich gehen. Machst Du jedoch Sport, spielst vielleicht eine andre Sportart die mit Werfen zu tun hat, dann gehst du eher in den positiven Bereich.

Frauen: Frauen sollten tendenziell in den negativen Bereich gehen. Sie sollten also eher Scheiben mit einem TFW von -4 bis -1 wählen. Auch hier gilt: Passe den Wert auf Deine körperliche Verfassung an. Zierliche Frauen/Mädchen die mit Werfen eher auf Kriegsfuß stehen, sollten weit in den negativen Bereich gehen. Frauen/Mädchen die z.B. schon Handball spielen, können bereits mit einem TFW von -1 anfangen.